10.09.2017
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Ein Blick in die Runde bestätigt meine Vermutung: Alma und ich sind beziehungstechnisch gesehen ein Auslaufmodell. Egal ob in meiner eigenen Familie, bei meinen Hundefreundinnen oder eben auch auf Facebook, der Trend geht eindeutig zum Zweit-, wenn nicht sogar zum Dritthund. Partner-Hund war gestern. Es lebe die Rudel-Liebe.

Während also einige ihren hündischen Kosmos immer mehr erweitern, bleibt bei Alma und mir alles so, wie es auch angefangen hat und das aus gutem Grund: Alma besteht seit Jahren darauf, unseren Tierarzt monatlich mit einem nicht unerheblichen Betrag vor der privaten Insolvenz zu schützen. Darüber hinaus sind wir nicht selten auf Hilfe angewiesen, denn leider warten wir immer noch auf einen vierrädrigen Lebensabschnittsgefährten mit ein bisschen mehr Pferdestärken unter der Haube als das Frauchen sonst mit ihrem Gewicht in die Pedale treten kann.

Hoffentlich wird das dann aber nicht das zweite Montagsmodell unseres Fuhrparks, eine Baustellen-geplagte Alma reicht nämlich vollkommen aus. Dabei kenne ich viele Hundebesitzer, die scheinbar einfach nur Glück haben und im Jahr nicht mal ansatzweise so hohe Tierarztkosten haben wie wir. Aber darauf kann man sich eben nicht verlassen. Gerade am Anfang des Jahres haben wir mal wieder gemerkt, wie wichtig und unabdingbar eine gute, sorgsame und vor allem allumfassende medizinische Versorgung ist, aber eben auch, dass das seinen Preis hat. Ohne die Unterstützung unserer Familie wären viele Behandlungen in den letzten acht Jahren kaum möglich gewesen. Hinzukommt, dass Alma und ich bis März dieses Jahres regelmäßig auf den Zug angewiesen waren. Das war nicht immer leicht: überfüllte Zugabteile, unachtsame Mitreisende, ein umständlicher und hundeunfreundlicher Schienenersatzverkehr, steigende Bahnpreise und ein Frauchen, das bis unter die Zähne mit Reisetaschen bepackt ist, machten so manche Zugfahrt zum Survival-Training für Fortgeschrittene.

Aber würden wir auch im Rudel leben, wenn die Umstände andere wären? Wenn wir ein Auto hätten, um stressfreier von A nach B zu gelangen? Wäre unsere Familie größer, wenn die medizinische Versorgung mehrerer Hunde auch finanziell auf einem sicheren Fundament stehen würde? – Ich glaube nicht.

In der Tat, es gibt mit Sicherheit genauso viele Gründe für einen Zweit- oder Dritthund, wie es Gründe dagegen gibt. Beobachte ich die drei Hündinnen meiner Schwester, bin ich einfach verliebt in die Harmonie ihres Zusammenlebens. Sie ergänzen sich gegenseitig, sie sind niemals alleine und haben eine so eigene Verbindung und Interaktion, an die wohl kaum eine menschliche Beziehung heranreicht. Es ist wunderbar, sie zu beobachten, wenn sie über die Wiese toben, zusammen im See schwimmen oder sich auf dem Sofa aneinander kuscheln.

Alma hingegen ist im Vergleich dazu fast schon eigenbrötlerisch. Mehrmals in der Woche treffen wir uns mit unseren Hundefreunden. Dann werden zwar alle Hunde freundlich von ihr begrüßt, den Rest des Spazierganges geht sie jedoch ihren eigenen, ganz persönlichen Interessen nach. Sie genießt das Rudel-Zusammentreffen eben auf eine ganz andere, ihr eigene Art und Weise. Ich glaube schon, dass sie sich auf unsere zwei- und vierbeinigen Freunde freut und von gemeinsamen Spaziergängen profitiert, aber sie sind für Alma eben nicht unabdingbar.

Zuhause verstärkt sich dieser Eindruck. Wann immer wir Hunde zu Gast haben, auf die ich für eine mehr oder weniger kurze Zeit aufpasse, zieht sich Alma in unser Schlafzimmer zurück und ist sichtlich erleichtert, wenn der Besuch dann auch wirklich wieder abgeholt wird. Das Zusammenleben in einem Rudel muss eben auch gelernt sein.

Viele Hundefreunde berichten mir, dass ihr alter Hund noch einmal durch einen neuen, jüngeren Hund aufgeblüht ist und neue Kraft und Energie getankt hat. Ich finde es grandios, wenn die neue Konstellation so gewinnbringend für beide Seiten ist. Bei Alma gestaltet sich die Integration neuer Hunde in ihr Familienbild wohl eher schwierig, wie wir bei dem Hund meiner Schwiegereltern feststellen mussten. Konflikte und angespannte Stimmungen, wie sie beispielsweise entstehen, wenn ein Hund neu in die Familie kommt und vielleicht sogar bestehende Regeln in Frage stellt, bezieht Alma direkt auf sich. Dabei ist es egal, ob sie in diesen Konflikt involviert ist oder nicht. Das gipfelte z.B. in der Situation mit dem Hund meiner Schwiegereltern darin, dass sich Alma seitdem weigert, mit Alex auch nur einen gemeinsamen Schritt Gassi zu gehen. In der Wohnung reagiert sie sogar mit stundenlangen Hechel-Orgien, die uns damit gleichermaßen zur Verzweiflung treiben.

Mit Sicherheit würde Alma im direkten Zusammenleben mit einem anderen Hund kompatibler und entspannter sein, hätte sie nicht schon in jungen Jahren so ein ambivalentes, und noch bis vor fünf Jahren aggressives Verhältnis zu anderen Hunden gehabt und nicht erst mühsam lernen müssen, welche positiven Möglichkeiten es im Umgang mit anderen Hunden gibt. Damals ging sie zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk davon aus, dass ihr andere Hunde an den Pelz wollen und packte ohne Umschweife und mit der Präzision eines Scharfschützen aus dem Sondereinsatzkommando die Zähne aus.

In vielen Situationen würde ich ihr von Herzen einen tierischen Seelenverwandten wünschen. Einen Partner-Hund, dem sie zu 100% vertrauen, mit dem sie über die Wiesen wetzen und auf dem Sofa kuscheln kann. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich darauf einlassen würde – so introvertiert und eigenständig sie doch ist. Vielleicht ist es dafür einfach zu spät, zumal wir ihr auch auf Grund ihrer schwerwiegenden Erkrankungen keine großen Veränderungen mehr zumuten wollen. Vielleicht ist sie aber auch einfach glücklich, dass sie zuhause Alleinherrscherin über den Futternapf sein darf und doch fast täglich ihre Hundefreunde trifft. Sozusagen ihr Rudel auf Zeit. Dann wären wir vielleicht doch kein Auslaufmodell, sondern eben ein innovativer Prototyp einer neuen, erfolgreichen Modellreihe.

 

Welches Familienmodell lebt oder favorisiert ihr? Welche Erfahrungen mit einem Einzel-, Zweit- oder sogar Dritthund habt ihr gesammelt? Verratet es uns doch ;) !

 

Eure Anja und Frau Alma 

 

Kommentare

Fabienne Belter
16.09.2017 08:44

Ein schöner Artikel! Bei uns soll irgendwann mal ein zweiter Hund einziehen, das steht seit geraumer Zeit fest. Die Familienerweiterung ist allerdings auch erst in 2-3 Jahren geplant. Zu Beginn war der Hauptgrund, dass ich wirklich genug mit Gismo's Erziehung zu tun hatte und es schlicht unfair gewesen wäre zwei so junge Hunde zu haben. Seit ein paar Monaten stärkt sich das Gefühl, dass wir so langsam bereit wären, für was kleines. Allerdings sind wir aktuell mehrmals die Woche auf Unterstützung von meiner Familie angewiesen, in der Form, dass Gismo dort sein darf, während ich arbeite. Außerdem wünschen wir uns für das kommende Jahr endlich mal wieder eine Flugreise und wissen Gismo dafür gut betreut. Das alles wäre mit zwei (in unseren Fall ja großen) Hunden wirklich sehr viel verlangt. Ich glaube Gismo wäre ein Hund, der sich sehr über einen kleinen Kumpel freuen würde. Dennoch halte ich nichts davon, wenn Zweithunde nur geholt werden, weil es für den ersten so toll wäre. Ja sicherlich, es gibt tolle Beziehungen zwischen Hunden eines Haushaltes und viele Hunde profitieren davon. Genau so gibt es aber auch Hunde, die im selben Haushalt einfach eine (im besten Fall friedliche) Koexistenz führen. In erster Linie sollte ich als Halter Bock auf einen weiteren Hund haben. Alles andere zwischen den Hunden ist Extra on top. Ich bin sehr gespannt wann es bei uns dann soweit sein wird und wie dann alles läuft. Aber bis dahin genieße ich mein Dasein als "Einzelhundehalter" genauso 🙃

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